Alexandra Bahr: Radikal frei: Der KitKatClub als Spiegel unserer Kultur | Rezension Kritik Neuerscheinung
- Olivia Grove

- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen
《 R E Z I 》
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Alexandra Bahr: Radikal frei: Der KitKatClub als Spiegel unserer Kultur | Die Geschichte des legendären Berliner Clubs
Erschienen am 03. Juni 2026 bei ZS - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe.
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Die Ästhetik der Ausschweifungen: ein sozial-alchemistisches Experiment
„Zeig mir deine wildeste, kompromissloseste Seite, erst dann darfst du den Ort betreten, der dich hoffentlich deinen Verstand kostet.“ (S. 178)
Gerade weil ich selbst - abgesehen von der reinen Hardtechno-Partyszene - keinerlei Berührungspunkte mit sexpositiven Clubs habe, faszinierte mich der Blick in diese Welt umso mehr. Nicht, weil ich Teil davon sein möchte, sondern eher aus kultureller und psychologischer Neugier.
Genau deshalb wollte ich dieses Buch lesen.
„Wenn man die Leute in normalen Klamotten reinlässt, wird nur das Normale passieren!“ (Simon Thaur, S. 181)
Und genau darum geht es in „Radikal frei“: um Entgrenzung. Um Nächte, in denen Menschen für ein paar Stunden aus ihren Rollen fallen wollen.
Das KitKat erscheint dabei weniger wie ein Club, sondern eher wie ein eigenes Paralleluniversum.
Oder, wie Alexandra Bahr selbst schreibt:
„Er schafft für eine Nacht so etwas wie die ideale Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die in dieser Art in der Welt draußen nicht existiert, weil dort zu viele Missverständnisse und Vorurteile herrschen.“ (S. 30)
Am Anfang steht ein Mädchen aus der Provinz auf der Suche nach Glück, ohne zu wissen, ob es das überhaupt gibt und wo man danach sucht.
Das erste Mal:
„Mich erschlägt die Musik, der Bass boxt in meinen Magen, so was habe ich noch nie gehört. Der Sound trifft mich ins Hirn, ins Herz, zwischen den Beinen. Ich bin wie in Trance, gleichzeitig hellwach und voller Energie. Später erfuhr ich, dass es Techno ist, was ich da höre.“ (S. 27)
Und ehrlich: Genau dort beginnt der Text für mich wirklich zu leuchten. Immer dann, wenn Alexandra Bahr konkrete Menschen oder sich selbst beobachtet, Milieus beschreibt oder psychologisch wird, entsteht etwas wirklich Faszinierendes. Man spürt die Anziehungskraft dieser Welt. Die Mischung aus Freiheit, Körperlichkeit, Sehnsucht, Performance und Kontrollverlust.
Gleichzeitig hinterließ die Erzählung bei mir aber auch ein ambivalentes Gefühl.
Gerade dort, wo das Buch am lebendigsten von Freiheit erzählt und so faszinierend vor Offenheit schillert, so selten blickt es wirklich in die dunkleren Ecken dieser Welt.
Gegenüber den Schattenseiten exzessiver Clubkultur bleibt es erstaunlich zurückhaltend:
Themen wie Substanzmissbrauch, synthetisch verstärkte Intimität, emotionale Grenzverschiebungen oder destruktive Dynamiken innerhalb der hedonistischen Szene sind fast unsichtbar.
Und sobald Macht, Status, Gruppendynamik, Szene-Hierarchien und Drogen ins Spiel kommen, wird die Idee eines „radikal freien“ Raumes komplizierter, als das Buch manchmal wirken lässt.
Wenn problematische Gäste lediglich Menschen sind, die „zu doll am Zaubermitteltöpfchen genascht haben“, wirkt das auf mich stellenweise fast wie eine romantisierende Verharmlosung.
Denn manche Passagen kippen für mein Empfinden von kulturell und philosophisch spannend in eine fast unterschwellige Selbstvermarktung einer Szene, die sehr an ihre eigene Mythologie glaubt.
Fast ein bisschen in Richtung: „ich habe das Leben tiefer verstanden als andere“.
Dabei fand ich den Gedanken hinter dem KitKat eigentlich hochspannend:
Hedonismus nicht als blinde Maßlosigkeit, sondern als bewusste Lustkultur.
„Lustvoll leben, ohne sich selbst zu zerstören oder vor seinen Dämonen davonzulaufen.“ (S. 168)
Der Club erscheint dabei nicht bloß als Ort des Exzesses, sondern als gesellschaftliches Experiment, als Labor einer lustorientierten Gegenkultur zur Alltagsgesellschaft. Mit all ihren Verheißungen, Widersprüchen und blinden Flecken.
⭐⭐⭐⭐
Wer nach meiner Rezi etwas Atmosphäre möchte: Klick dich in die einzige offiziell veröffentlichte DJ-Session aus dem KitKat. 👀
Ein seltener Blick ins Paralleluniversum ... zumindest ein jugendfreier auf die Stage. 😄
Stella Bossi Live @ KitKatClub Berlin | Full DJ Set 2025 | Symbiotikka
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