Suzie Miller: Prima facie »Für alle, die nicht länger nach den Gesetzen des Patriarchats leben wollen.« Mareike Fallwickl | Rezension

22. Mai 2025
3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Aug.
《 R E Z I 》
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Suzie Miller: Prima facie
Erschienen am 18. März 2025 im Kjona Verlag.
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Must-read! Unumgänglich. Unbequem. Unvergesslich!
Knallt rein. Gräbt sich in die Seele. Muss gelesen werden!
Jede dritte Frau.
Mindestens einmal im Leben erlebt sie physische und/oder sexualisierte Gewalt. Und nur jede zehnte Betroffene geht zur Polizei. Die Verurteilungsrate? 1,3 %. Eine Zahl, die sich einbrennt.
Suzie Miller bringt diese bittere Realität auf den Punkt.
»Prima Facie«, ursprünglich als Theatermonolog geschrieben, erzählt die Geschichte von Tessa: einer brillanten Strafverteidigerin, die selbst zur Klägerin wird. Und feststellen muss, dass ein System, das Täter schützt, Opfer zermalmt. Dass Wahrheit manipulierbar ist, wenn sie nicht ins Schema passt.
Ich bin auf »Prima Facie« durch das Cover der englischen Theaterausgabe gestoßen. Zwei Gesichter, digital verzerrt und ineinander verschoben, irgendwo zwischen Glitch-Ästhetik und innerem Zusammenbruch. Neonpink trifft auf Kaltblau. Die eine Hälfte mit geschlossenen Augen und weißer Richterperücke, kontrolliert und beinahe unberührt. Die andere: Wut, Schmerz, Überforderung und so viel dazwischen.
»Er hat mir das angetan. Und doch fühlt es sich an, als würde mir der Prozess gemacht.« (S. 247)
Nicht der Täter steht im Kreuzverhör, sondern die Frau, die ihn beschuldigt. Tessa wird nicht nur entblößt, sie wird demontiert. Ihre Glaubwürdigkeit, ihre Geschichte, ihr Körper – alles steht zur Disposition. Alles wird seziert.
[Anmerkung der Rezensentin: Wann bitte habe ich so formuliert? ... „kippt … ins Absurde“, „wird demontiert“, „alles steht zur Disposition“, „alles wird seziert“. Jeder Satz trägt ein kleines schwarzes Rollkragenoberteil. 😭]
»Wie kannst du es wagen? Wie kannst du nur? Ich starre ihn an. Warum stehe ich hier oben und werde als Lügnerin dargestellt?« (S. 329)
Millers Schreibstil hatte mich ziemlich schnell. Ich hing an jeder Seite und war irgendwann an dem Punkt, an dem Aufhören einfach keine besonders attraktive Option mehr war. Vor allem die Gerichtsszenen haben es mir angetan.
Die Autorin spart sich an dieser Stelle jede Form von Beschönigung. Die Szene des Übergriffs ist entsprechend schwer auszuhalten und unangenehm nah dran. Nicht spektakulär geschrieben, nicht künstlich dramatisiert. Einfach so, dass man beim Lesen irgendwann merkt, wie sehr man gerade hofft, die Szene möge endlich vorbei sein.
Man spürt die Betäubung, wie Tessas Körper abschaltet, wie ihr Bewusstsein in Dissoziation flüchtet. Was danach kommt, fand ich fast noch schwerer: zu sehen, wie sie versucht, mit dem weiterzumachen, was passiert ist, und schließlich Anzeige erstattet.
Fazit:
Ein System, das vorgibt, neutral zu sein, aber in Wahrheit tief männlich codiert ist. Ja, das ist wohl das eigentliche Gericht, dem Tessa gegenübersteht. Es legt fest, was als Wahrheit gilt.
Und es blendet aus, was nicht ins Raster passt: weibliche Perspektiven, Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, das Trauma hinter der Aussage.
Dieses Buch ist ... ein Kreischen, der das System selbst auf die Anklagebank zerrt. Es zeigt ziemlich deutlich, wer dieses System geschaffen hat, für wen es funktioniert und wer darin von Anfang an schlechtere Karten hat.
Jetzt liegt es an uns, die Botschaft weiterzutragen.
Lest dieses Buch. Sprecht darüber. Lasst es nicht ungehört verhallen!
⭐⭐⭐⭐⭐
Suzie Miller, geboren in Melbourne, hat jahrelang als Strafverteidigerin gearbeitet, mit besonderem Augenmerk auf sexuellen Missbrauch. Ihr Stück »Prima Facie«, auf dem ihr Roman basiert, gewann alle großen Preise Australiens sowie den Olivier Award, die wichtigste Auszeichnung im britischen Theater. »Prima Facie« ist ihr erster Roman.
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