Virginia Roberts Giuffre: Nobody’s Girl: Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit | (SPIEGEL-Bestseller) | Rezension Kritik Neuerscheinung
- Olivia Grove

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《 R E Z I 》

Virginia Roberts Giuffre: Nobody’s Girl:
Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit | (SPIEGEL-Bestseller)
Erschienen am 18. November 2025 bei Yes Publishing.
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Zwischen Zeugnis und Konstruktion
Virginia Giuffre nahm viele Ungeheuerlichkeiten mit ins Grab. Und vielleicht auch die Hoffnung, dass je alles ans Licht kommt.
Ihr posthum erschienenes „Nobody’s Girl“ ist kein Enthüllungsbuch im klassischen Sinne. Es ist der Versuch, die eigene Geschichte zurückzuerobern.
Wie ihre Co-Autorin Amy Wallace schreibt:
„Sie wollte, dass die Welt erfährt, wer sie wirklich ist, damit Überlebende sexuellen Missbrauchs sich durch ihre Worte vielleicht weniger allein fühlen.“ (S. 10)
Virginia Giuffre beschreibt nicht nur, was Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell taten. Sie beschreibt, was es mit ihr machte. Und wie Manipulation lautlos beginnt.
„»Ich kann dir so vieles beibringen.« Von der ersten Begegnung an wollte Epstein, dass ich ihn als Mentor betrachtete, nicht als Täter.“ (S. 101)
Denn Epstein erkannte Sehnsüchte und gab sich als Förderer verlorener Mädchen: Tanzstunden, Rollenangebote, Leinwände, Kontakte zur Kunstwelt. Er bot genau das an, wonach sie hungerten, und verwandelte ihre Hoffnungen in Abhängigkeit. Und dann tat er ihnen das Schlimmste an.
Trauma, schreibt sie, sei ein „hinterhältiger Gegner“. Und genau so fühlt sich dieses Buch an. Es wirkt erst kontrolliert, fast gefasst und dann merkt man, wie viel unter der Oberfläche arbeitet.
Ich habe beim Lesen oft gedacht: Wie hält ein Mensch das aus?
„Bald nachdem Eppinger begann, mich an seine Freunde zu verhökern, fühlte ich mich wie ein Welpe, der aus einem Wurf ausgewählt wird und nur hoffen kann, dass sein neues Herrchen kein Tierquäler ist. Ich versuchte einfach nur zu überleben.“ (S. 82)
Und doch ist „Nobody’s Girl“ kein makelloses Buch.
Beim Lesen spüre ich, wie intime Erinnerungen plötzlich in eine fast juristisch durchgetaktete Dramaturgie kippen. Gerade das erste Treffen mit Prinz Andrew wirkt auf mich wie unter Scheinwerferlicht ausgeleuchtet, als sei es unter dem Druck öffentlicher Erwartung und juristischer Prüfung nachgeschärft worden.
Und wenn in den dunkelsten traumatischen Momenten beschwichtigende Einwürfe den Aufprall abfedern, fühlt sich das für mich ehrlich gesagt weniger nach roher Wahrheit an als nach kontrollierter Wirkung. Ganz so als würde man dem Schmerz die Schärfe nehmen, statt ihn einfach stehen zu lassen. Das macht mir schmerzlich bewusst, dass hier ein konstruiertes Buch spricht, kein rohes Zeugnis.
Ab dem dritten Teil (S. 175-397) kippt mein Lesegefühl: Die beklemmende Chronik von Missbrauch und Manipulation hat ihre volle Wucht entfaltet und alles Weitere wirkt auf mich wie ein langes, leiser werdendes Ausschwingen. Thailand, Ehe, Neuanfang – biografisch folgerichtig, ja, aber erzählerisch entsteht der Eindruck zweier Bücher in einem, von denen nur eines das eigentliche Gravitationszentrum trägt.
Und trotzdem.
Drei Tage nach Epsteins Tod druckte die New York Post ein Foto von Naomi Campbells Geburtstagsparty – betitelt mit „Jeffrey Epsteins S*xsklavin“. Im Vordergrund steht Virginia Giuffre. Damit wurde der Welt durch ein einziges Foto vor Augen geführt, wie kindlich die Mädchen in Epsteins Welt aussehen mussten.
Vielleicht ist dieses Buch nicht perfekt konstruiert.
Aber es ist notwendig.
Weil es zeigt, was Macht mit Menschen macht. Weil es erklärt, warum Trauma nicht verschwindet, nur weil man überlebt. Und weil es daran erinnert, dass hinter jedem Schlagzeilenfoto ein Mädchen stand, das einfach nur überleben wollte.
Und weil es die leise, verstörende Ahnung hinterlässt, dass es Dinge gibt, die selbst dieses Buch nicht erzählen durfte.
⭐⭐⭐,5 Sterne
Virginia Roberts Giuffre (1983-2025) war Aktivistin und Fürsprecherin für Überlebende von Menschenhandel zum Zweck s*xueller Ausbeutung. Sie lebte mit ihrer Familie in Australien.
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