Anne Freytag: Laute Nächte | Rezension Kritik Neuerscheinung
- Olivia Grove

- 23. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
《 R E Z I 》
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Anne Freytag: Laute Nächte
Erschienen am 22. April 2026 im Kampa Verlag.
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Für das, was erst später wehtut
Wie habe ich mich beim Lesen gefühlt?
„Kenni. Dieser Roman hat gedauert. Und er hat mich Nerven gekostet. Mich traurig gemacht, mich weinen lassen, mich verärgert – und am Ende dann versöhnt. Kenni, du hast es uns beiden nicht leicht gemacht. Du wolltest, aber es ging nicht. Und ich wollte, aber es ging nicht.“ (Zitat aus der Danksagung von Anne Freytag, S. 318)
Ja, exakt so habe ich mich gefühlt.
Dieses Buch war kein Sog. Es war ein Ringen. Mit dir, Kenni. Mit mir.
Mit allem, was zwischen den Zeilen passiert und oft eben nicht passiert. So introspektiv, dass man sich manchmal darin verliert. Ich wollte rein. Wirklich. Aber es ging nicht immer. Und genau das ist vielleicht schon die ehrlichste Beschreibung dieses Romans.
„Bei dem Gedanken beiße ich ein zweites Mal in die Zimtschnecke, und dann denke ich, dass wir alle sterben werden: Elif, der riesige Sebastian, Paul, der Kater, Julia, ich. Ich habe einen Vorgeschmack darauf bekommen, ein Amuse-Gueule aus der Hölle. Sie hat dieses Wort geliebt: Amuse-Gueule.“ (S. 27)
Diese Sätze. Diese kleinen, beiläufigen Eskalationen von Gedanken, dieser unverkennbare Freytag-Sound. Das kann sie wie kaum jemand sonst. Und genau deshalb tut es fast weh, dass ich mich diesmal so durchkämpfen musste. Denn „Lügen, die wir uns erzählen“ und „Blaues Wunder“ habe ich geliebt.
Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass der Roman mit seinen 316 Seiten straffer ist. Dass er mich früher packt und dass ich nicht so lange draußen stehe, so bedrückt. Und trotzdem kann ich nicht ignorieren, wie viel ich gefühlt habe!
Vielleicht ist es genau das: Dieses diffuse, widersprüchliche, schwer greifbare Gefühlsgemisch. Freytag schreibt nicht für schnelle Nähe.
Sie schreibt für dieses langsame Einsickern. Für das, was eben erst später wehtut.
Fazit:
„Laute Nächte“ ist kein Buch, das dich sofort bekommt. Aber wenn es dich einmal catcht, dann nicht oberflächlich, sondern irgendwo da, wo es unangenehm ehrlich wird.
Für mich wäre es lange bei 3 Sternen geblieben. Doch wegen dieser unvergesslichen Tiefgründigkeit und dieser leisen, nachwirkenden Intensität… wegen allem, was zwischen den Zeilen passiert ist… bewerte ich jetzt höher.
„Und jetzt tanzt sie, und wir sehen ihr zu. Und Paul schaut von ihr zu mir, und ich weiß, dass er weiß, was ich denke. Dass er weiß, wie schnell mein Herz gerade schlägt, dass er weiß, dass es lange nicht mehr so geschlagen hat. Und ich bin irgendwie alles, alles gleichzeitig – gerührt und wütend und traurig, weil es so lang her ist. Weil ich es kaputt gemacht habe.“ (S. 193)
⭐⭐⭐⭐
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